Wohnrecht
Wohnrecht bei Immobilien - rechtliche Grundlagen nach BGB, Unterschied zum Nießbrauch, Eintragung im Grundbuch und praktische Auswirkungen
Das Wohnrecht ist eine beschränkte persönliche Dienstbarkeit nach § 1093 BGB, die einer Person das Recht einräumt, ein Gebäude oder Teile davon zu Wohnzwecken zu nutzen. Es wird als Belastung in Abteilung II des Grundbuchs eingetragen. Das Wohnrecht besteht gemäß § 1093 BGB auch bei Eigentümerwechsel fort und wirkt gegenüber jedem Rechtsnachfolger.
Rechtliche Grundlagen
Das Wohnrecht nach § 1093 BGB ist ein höchstpersönliches, nicht übertragbares Recht. Nach § 1093 Abs. 1 Satz 1 BGB ist der Berechtigte zur Bewohnung eines Gebäudes oder Gebäudeteils unter Ausschluss des Eigentümers befugt. Die Überlassung der vom Wohnungsrecht erfassten Räume an Dritte (z.B. Vermietung) ist vom Inhalt des Wohnungsrechts grundsätzlich nicht umfasst; sie bedarf der Gestattung des Eigentümers (§ 1092 Abs. 1 S. 2 BGB; BGH V ZR 206/11; V ZR 163/06; V ZR 168/07).
Konstitutive Merkmale:
Dingliche Wirkung: Das Wohnrecht wirkt nach § 1093 BGB gegenüber jedem Eigentümer und Rechtsnachfolger
Höchstpersönlichkeit: Gemäß § 1092 Abs. 1 BGB nicht übertragbar und erlischt regelmäßig mit dem Tod des Berechtigten aufgrund seiner höchstpersönlichen Natur
Grundsätzliche Unpfändbarkeit: Nach § 1092 Abs. 1 BGB i.V.m. §§ 851, 857 ZPO ist ein Wohnrecht an fremden Grundstücken grundsätzlich unpfändbar. Jedoch ist ein Eigentümerwohnungsrecht (Wohnrecht am eigenen Grundstück) stets pfändbar und fällt in die Insolvenzmasse (BGH V ZB 64/21 vom 02.03.2023). Bei gestatteter Drittüberlassung kann die Pfändbarkeit nach § 857 Abs. 3 ZPO eintreten
Eintragungserfordernis: Gemäß § 873 BGB bedarf das Wohnrecht der Grundbucheintragung zur Erlangung dinglicher Wirkung
Abgrenzung zum Nießbrauch
Das Wohnrecht nach § 1093 BGB unterscheidet sich systematisch vom Nießbrauch nach §§ 1030 ff. BGB:
| Merkmal | Wohnrecht (§ 1093 BGB) | Nießbrauch (§§ 1030 ff. BGB) |
|---|---|---|
| Nutzungsbefugnis | Eigene Wohnnutzung | Umfassende Nutzung und Fruchtziehung |
| Vermietungsbefugnis | Nur mit Gestattung des Eigentümers | Zulässig, Mieteinnahmen stehen Nießbraucher zu |
| Wirtschaftlicher Wert | Geringerer Kapitalwert | Erheblich höherer Kapitalwert |
| Steuerliche Bewertung | Lebenslängliche Rechte nach § 14 BewG, befristete nach § 13 BewG (§ 16 BewG begrenzt Jahreswert) | Lebenslängliche Rechte nach § 14 BewG, befristete nach § 13 BewG |
Der Nießbrauch gewährt umfangreichere Befugnisse und weist einen entsprechend höheren Verkehrswert auf.
Typische Anwendungsfälle
Vorweggenommene Erbfolge: Eltern übertragen die Immobilie auf Kinder und behalten sich ein lebenslanges Wohnrecht vor. Dies sichert ihre Wohnversorgung und ermöglicht gleichzeitig die Vermögensübertragung.
Ehescheidung: Ein Ehepartner erhält das Eigentum, der andere ein Wohnrecht für sich oder für gemeinsame Kinder bis zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Versorgung Dritter: Seltener wird ein Wohnrecht zugunsten von Personen außerhalb der Familie eingeräumt, etwa als Gegenleistung für langjährige Dienste.
Beendigung des Wohnrechts
Das Wohnrecht endet durch:
Tod des Berechtigten: Als höchstpersönliches Recht erlischt es regelmäßig mit dem Tod des Berechtigten. Es geht nicht auf Erben über.
Verzicht (§ 875 BGB): Der Berechtigte kann notariell auf das Wohnrecht verzichten. Dies bedarf der Bewilligung und Grundbucheintragung der Löschung.
Zeitablauf: Wenn das Wohnrecht befristet eingeräumt wurde, endet es mit Ablauf der Frist.
Hinweis zur Vereinigung: Der Zusammenfall von Eigentum und Wohnungsrecht in einer Person führt nach § 889 BGB nicht automatisch zum Erlöschen; ein sogenanntes Eigentümerwohnungsrecht bleibt bestehen und ist pfändbar (BGH V ZB 64/21).
Eine zwangsweise Beendigung gegen den Willen des Berechtigten ist grundsätzlich ausgeschlossen. Eine Kündigung nach mietrechtlichen Vorschriften ist nicht möglich (BGH V ZR 208/15 vom 11.03.2016). Selbst grobe Pflichtverletzungen führen nicht ohne weiteres zum Erlöschen des Rechts, jedoch können Abwehr- und Unterlassungsansprüche bestehen.
Lasten- und Kostenverteilung
Die Kostenverteilung zwischen Eigentümer und Wohnberechtigtem sollte vertraglich geregelt werden. Bei fehlender Vereinbarung gelten die in § 1093 Abs. 1 S. 2 BGB in Bezug genommenen Nießbrauchsvorschriften, insbesondere § 1041 BGB:
Vom Wohnberechtigten zu tragen:
Gewöhnliche Erhaltungslasten (§ 1041 BGB)
Betriebskosten (Heizung, Wasser, Strom)
Verbrauchsunabhängige Grundkosten für Heizung/Warmwasser auch bei Nichtnutzung (BGH V ZR 57/11 vom 21.10.2011)
Beteiligung an gewöhnlichen Unterhaltungskosten gemeinschaftlicher Anlagen
Kleinere Instandhaltungen und Schönheitsreparaturen
Vom Eigentümer zu tragen:
Außergewöhnliche Erhaltungskosten
Substanzerhaltende Reparaturen
Grundsteuer und Gebäudeversicherung (eine dingliche Abwälzung dieser Lasten als Rechtsinhalt des Wohnungsrechts ist unzulässig; schuldrechtliche Vereinbarungen sind jedoch möglich)
Ohne klare vertragliche Regelung können Streitigkeiten über die Kostentragung entstehen.
Auswirkungen auf den Immobilienwert
Ein eingetragenes Wohnrecht mindert den Verkehrswert der Immobilie erheblich. Der Wertverlust ergibt sich aus:
Fehlenden Nutzungsmöglichkeiten für den Eigentümer
Entgangenen Mieteinnahmen
Dauer der voraussichtlichen Belastung
Sachverständige ermitteln den Kapitalwert des Wohnrechts durch Kapitalisierung der entgangenen jährlichen Nutzungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung der statistischen Lebenserwartung des Berechtigten. Bei lebenslänglichen Rechten werden die Vervielfältiger nach § 14 BewG (BMF veröffentlicht diese jährlich) angewendet. Dieser Kapitalwert wird vom Verkehrswert abgezogen.
Die Wertminderung hängt stark vom Einzelfall ab (Alter des Berechtigten, Umfang der Nutzung, Kostenlast, Marktgängigkeit). Marktabschläge sollten sachverständig nach ImmoWertV ermittelt werden. Die Literatur nennt teils Orientierungswerte bis etwa 30%, jedoch ohne allgemeine Verbindlichkeit. Pauschale Prozentsätze sind nicht zuverlässig anwendbar.
Bedeutung für Immobilienerwerber
Beim Erwerb einer mit Wohnrecht belasteten Immobilie ist zu beachten:
Grundbuchprüfung: Genaue Prüfung des Umfangs des Wohnrechts (gesamte Immobilie oder nur Teile, Mitbenutzungsrechte an Gemeinschaftsräumen).
Identität des Berechtigten: Alter und Gesundheitszustand beeinflussen die voraussichtliche Dauer der Belastung.
Kostenverteilung: Klärung der vereinbarten Kostentragungsregelungen aus der Wohnrechtsbewilligung.
Drittüberlassung: Prüfung, ob eine Gestattung zur Drittüberlassung (§ 1092 Abs. 1 S. 2 BGB) erteilt wurde, da dies die Vermietbarkeit und Pfändbarkeit beeinflussen kann.
Kaufpreisanpassung: Der Kaufpreis muss die Wertminderung durch das Wohnrecht angemessen berücksichtigen.
Persönlicher Kontakt: Ein Kennenlernen des Wohnberechtigten vor Erwerb kann zur Einschätzung der künftigen Wohnsituation beitragen.
Realistische Planung: Die Hoffnung auf baldiges Erlöschen des Wohnrechts ist keine tragfähige Kalkulationsgrundlage.
Steuerliche Aspekte
Bei der vorweggenommenen Erbfolge mindert der Kapitalwert eines vorbehaltenen Wohnrechts regelmäßig den steuerpflichtigen Schenkungswert. Die Bewertung erfolgt bei lebenslänglicher Dauer nach § 14 BewG unter Anwendung der vom BMF jährlich veröffentlichten Vervielfältiger und bei befristeter Dauer nach § 13 BewG. § 16 BewG begrenzt lediglich den Jahreswert, regelt aber nicht den Kapitalwert des Wohnrechts als solchen.
Systematische Einordnung
Das Wohnrecht nach § 1093 BGB stellt ein beschränktes dingliches Recht zur Absicherung der Wohnversorgung bei Vermögensübertragungen dar. Es belastet die Immobilie weniger umfassend als ein Nießbrauch, mindert jedoch den Verkehrswert erheblich. Für Eigentümer bedeutet es eine Einschränkung der Verfügungsbefugnis, für Berechtigte eine rechtlich gesicherte Wohnmöglichkeit. Vertragliche Regelungen zur Kostentragung sollten die gesetzlich nur rudimentär geregelten Pflichten konkretisieren.
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